ISTA-Präsentation am Niedersächsischen Altphilologentag des NAV in Lüneburg am 01.10.1999

gehalten von Edgar Barwig und Clemens Liedtke

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn Sie sich die Ankündigung dieses Arbeitskreises ansehen, sollten Sie über die Formulierung „Lateinische Lieder“ einmal kurz nachdenken. „Lateinische Lieder“ - diese Formulierung ist nicht von uns gewählt - assoziiert bestimmte Vorstellungen: Schülerchöre, Klavierbegleitung, festlicher Rahmen, kurzum die harmonische Präsentation klassischen Kulturguts. Inhaltlich denkt man vielleicht an Ovid, Oden, religiöse Orgelwerke, sicher an die Carmina Burana. Nichts dagegen, aber damit beschäftigen wir uns hier nicht. Das Thema von ISTA ist in erster Linie der Spaß, die Spaßgesellschaft, Coolness, Gefühle von heute und der Umgang mit Latein. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf: Ist das überhaupt erlaubt? Dürfen wir das? Welcher Didaktiker, welche Richtlinien haben uns die Legitimation dafür gegeben? Bewegen wir uns noch im Bereich dessen, was Bildungswert hat, was in Lernzielen definierbar ist, soll heißen: was im LU einsetzbar ist, ohne das Missfallen der Autoritäten, der Riege der Fachdidaktiker und Dezernenten ebenso wie der der unübertroffenen sprachlichen Autoritäten der antiken Welt, deren Schatten wir über allem sehen, was mit Alten Sprachen zu tun hat, zu erregen? Man mag sagen: Wieder so ein krampfhafter Versuch, die alte Sprache mit Leben zu erfüllen! Andere könnten wieder meinen: Wenn Latein, dann bitteschön Antike und nichts anderes!

Nun - Als sich ISTA, bestehend aus einem nahezu kompletten Zwölfer Latein-Grundkurs und seinem Lehrer, im Herbst 1992 selbst begründete, hatte die Gruppe mit allen oben angeführten Bedenken nichts am Hut. Zwar aus der Schule entstanden, war doch die Schule das, was uns am wenigsten interessierte. Wie wollten den Song Dieda von der Gruppe Die Fantastischen Vier, seinerzeit in aller Ohren und ganz oben in den Charts, mit lateinischem Text versehen und - wenn möglich - zum Abi-Ball 1994, als die TeilnehmerInnen ihr Abitur ablegten, in einer kleinen Show aufführen. Der Rest war völlig egal. Wir wussten nicht einmal, ob wir es schaffen würden, die notwendige Geduld aufzubringen, nachdem wir gemerkt hatten, dass es mit ein/zwei Treffen nicht getan war. So versäumten wir es sogar, uns als AG offiziell eintragen zu lassen. Das Ziel von ISTA war jedoch schnell ausgemacht: Es sollte etwas Anderes mit Latein gemacht werden. Ganz artfremd sollte Latein aus dem Altertum herausgeholt und spielerisch zum Ausdruck von Gefühlen und Gedanken unserer Welt „missbraucht“ werden. Vor allem aber wollten wir Spaß haben und uns natürlich bei jedem Treffen maßlosen kulinarischen Genüssen hingeben. Einen didaktisch-ideologischen Überbau gab es nicht; Reflexionen über unserer Zusammenkünfte fanden nicht statt. - Heute, knapp sieben Jahre später, stehe ich als der ehemalige Lehrer dieses Kurses hier, um Ihnen genau das zu bieten: nämlich eine Reflexion über eine auf diese Weise entstandene Latein-Arbeitsgemeinschaft, die es immer noch gibt, die immer noch Musik produziert und die vor allem in dieser Zeit (bei aller Bescheidenheit) zunehmend vorzeigbare Produkte präsentieren kann, obwohl die TeilnehmerInnen keineswegs Vorzeige-LateinerInnen waren bzw. sind, - und ich muss offen gestehen, ganz wohl war uns nicht bei dem Gedanken, im Nachhinein so etwas wie eine Legitimation zu liefern. ISTA versteht sich nicht als Veranstaltung von Altphilologen für Altphilologen. Das wollten wir nie sein. ISTA ist von dieser Welt! Spaß haben an Latein und mit Latein - das war und ist unsere Devise.

Logischerweise können wir hier auch nur erst einmal uns selbst präsentieren. Patentrezepte für einen gelungenen Lateinunterricht haben wir auch nicht, aber wir können zeigen, was aus dem LU erwachsen kann, wenn günstige Bedingungen aufeinander treffen, und wir können uns Gedanken machen, inwiefern sich der motivierende Funke von ISTA möglicherweise auf die Bedürfnisse der Schule übertragen lässt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Seit fünf Jahren sind wir von der ISTA-Gruppe aus der Schule heraus - mit der Ausnahme Herrn Barwigs natürlich, der Ihnen noch eben erklärte, daß wir nicht nur aus Latein-Spezialisten bestehen. In der Tat. Ich erinnere mich nur zu gut an einen von Herrn Barwigs Metrik-Tests in unserem Latein-Grundkurs, dessen Ergebnis ich hier lieber verschweigen möchte. Ich möchte Ihnen vielmehr aus der Perspektive des ehemaligen Lateinschülers nach eben diesen fünf Jahren eine gute Nachricht mitbringen: Latein macht Spaß! Lassen Sie sich nicht dadurch irritieren, daß wir den Spaßfaktor dermaßen betonen - die Motivation zu Alten Sprachen zu bekommen, ist zumindestens für Schüler ein wichtiges Kriterium. Daher möchte ich diese Gelegenheit nutzen, Ihnen das Beispiel ISTA vorzuführen, indem ich Sie einen Blick hinter die Kulissen werfen lasse.

Wenn ich mich an die bewußte Lateinstunde im 12. Jahrgang erinnere, die bei uns fast den Status eines Gründungsmythos angenommen hat, denke ich zunächst an anstrengende Übersetzungsarbeiten an Originaltexten, vor allem, wenn man noch keine Demonstrativpronomina auswendig kann. Daher denn auch die Frage, wie man in diesem Text „ista“ zu übersetzen hätte - die übliche Vokabelfrage also. Hätte es genau zu diesem Zeitpunkt in den deutschen Hitparaden nicht gerade auf den vorderen Plätzen einen HipHop-Song gegeben, der zufällig „Die Da?!“ titelte, vielleicht wäre dann der Kontext, um den es gerade ging, nämlich die „Epistulae morales ad Lucilium“, nicht so schnell in den Hintergrund geraten. „Die Da?!“ auf Latein? Eigentlich nicht mehr, als ein gerissener Schülerversuch, vom langweiligen Sallust abzulenken, ist der Refrain überraschend schnell und einfach gelöst: Aus einem „Ist es die da, die da am Eingang steht?“ wird ein „Estne ista, quae ante portas stat?“ - immerhin auch eine Anspielung an das klassische „Hannibal ante portas!“. Die Idee ist also da, ungewöhnlich sicherlich, verrückt auf jeden Fall, aber ausbaufähig. Und der Lehrer zieht mit, bewaffnet sich mit entsprechenden philologischen Hilfsmitteln (wie dem Saarbrücker „Lexicon Auxiliare“) und erscheint so gut gerüstet zum nächsten Kurstreffen, um mit den 9 Grundkurslern dem Versuch eines lateinischen HipHops zuleibezurücken. Wir entwickelten ziemlich schnell Neugier am Spielen mit alten und neuen Sprachen, und aus diesem Spiel wurde nach den vielen nachfolgenden Treffen ein kompletter, aus dem Deutschen ins Lateinische übersetzter Songtext, das Produkt einer schülerischen Kreativitätsschmiede, in das jeder und jede ihre speziellen Fähigkeiten einbauen konnte: Wenn jemand besser mit der Grammatik umgehen konnte, suchten andere treffende Vokabeln oder bildete aus der modernen Vorlage neue lateinische Kontexte.

Das Endziel der ISTA-Gruppe war es, unser Stück zum guten Schluß am Abiball einer kleinen Öffentlichkeit vorzustellen. Dazu gehörte auch der musikalische Hintergrund, bei dem wir auf die Hilfe eines anderen ehemaligen Cäcilienschülers, unserem späteren Produzenten Markus Gärtner zurückgreifen konnten, mit dem wir an einem Playback bastelten. Mit reichlichen und vor allem nervenaufreibenden Sprechgesangsproben und einer kleinen Bühnenshow im Hintergrund hatte ISTA im Juni 1994 seinen ersten Auftritt.

Das Ende der Schullaufbahn und das Abwandern der Gruppenmitglieder in Wehr-und Zivildienst, Ausbildung und Studium hätte eigentlich genausogut das Aus für ISTA bedeuten können. Mit einer neuen Projektidee, nämlich den nächsten Hit der Fantastischen Vier zu bearbeiten, waren trotzdem alle zu begeistern, so daß nach einer kurzen Leerlaufphase die Truppe die Arbeit wieder aufnehmen konnte.

Nach sieben Jahren sind wir immer noch nicht zum Ende gelangt. Mit dem dritten Übersetzungsprojekt, einer veröffentlichten CD und seit kurzem auch unserer Präsenz im Internet mit einer eigenen Homepage sind unsere Aufgaben noch etwas komplexer geworden, unsere Motivation aber nicht geringer: Die Vorbereitungen zu neuen Projekten laufen bereits, und wir denken noch nicht daran, in Rente zu gehen.

Nun ist es auch für Sie als Lehrer wahrscheinlich nicht eine sehr alltägliche Beobachtung, daß eine Schul-AG noch so weit über die Schule hinaus Bestand hat. In der Tat: Ohne unser Latein-Projekt würden die einzelnen Mitglieder bei weitem nicht so viel ihrer Freizeit miteinander verbringen. Die gruppendynamischen Prozesse, die dabei eine Rolle spielen, sind natürlich besonders schwer zu beschreiben, wenn man selbst daran teilnimmt. Mit Sicherheit können wir über uns aber sagen, daß das, was ISTA als Gruppe ausmacht, zunächst einmal zwei Dinge sind: Einerseits ist es das gemeinsame Hinarbeiten auf ein bestimmtes Ziel, bei dem das gefordert ist, was ich das kreative Kräftespiel nenne und jeden mit seinen Fähigkeiten und Neigungen einbindet: Textarbeit, Gesang, musikalische Gestaltung, bastlerisches Geschick, Organisationstalent können hier zusammenfließen. Unsere Erfahrung hat gezeigt, daß ISTA am besten als Gruppe funktioniert, wenn wir gerade wieder an einem Projekt arbeiten. Das führt sogar so weit, daß wir intern im Rahmen der Vorbereitung zu diesem Vortrag, der ja auch ein Teil unserer Arbeit ist, über Fachdidaktik diskutieren!

Der zweite Punkt ist vielleicht so zu beschreiben: Da ISTA sowohl aus dem Rahmen des normalen Schulgeschehens als auch aus dem der Popmusikszene fällt, können wir mit einem gewisen Stolz auf eine Idee schauen, die so recht in kein Muster passen will - ohne daß wir deshalb einen Exoten-Status für uns einfordern wollten. Aber wir möchten etwas Neuartiges präsentieren und uns dabei langsam, aber stetig steigern.

Nach so viel Eigenreflexion soll es nun erst einmal um Methoden und Arbeitsweisen von ISTA gehen:

achdem mit der philologischen Arbeit der vorläufige lateinische Endtext vorliegt, sind nun die musischen Talente mehr gefragt: der Text muß, um ihn sprechgesangsfähig zu machen, rhytmisch geformt werden. Dazu müssen die Sibenzahlen von Original und Übersetzung miteinander abgeglichen werden, da ja auch die lateinische Fassung in etwa die gleiche Strophenlänge aufweisen muß. Ziel soll sein, nach Möglichkeit den Sprechgesangsrhythmus des Originals nachzuahmen. Bisweilen müssen noch leichte Veränderungen vorgenommen werden, indem Verschleifungen und sinnvolle Auslassungen eingebaut werden.

Die ersten Sprechgesangsproben orientieren sich an der Originalmusik und stellen den fast anstrengensten Teil dar, da in einer Endlosschleife des CD-Spielers immer einzelneTextzeilen geprobt werden. Dies ist für die Nerven auf Dauer sehr strapaziös! Dabei haben wir eine interessante Beobachtung gemacht, nämlich, daß sich die lateinische Sprache aufgrund ihrer guten rhythmischen Formungsmöglichkeiten als Medium moderner Musik, besonders der HipHop-Sprechgesangsvarianten geradezu anbietet!

Wie schon erwähnt, haben wir für die Produktion eines eigenständigen Playbacks tatkräftige Unterstützung durch unseren Produzenten Markus Gärtner von den Schönbornstudios, der als ehemaliger Schüler der Cäcilienschule uns sein Studio zum Freunschaftspreis zur Verfügung stellt (Bedenken Sie, daß in professionellen Tonstudios ein Wochenende Aufnahmen über 1000 DM kosten können!). Hier wird nun das Originalstück neu bearbeitet, neu instrumentiert und arrangiert, so daß das Playback einen eigenen Charakter erhält. Die Gesangsaufnahmen sind der letzte Schritt der Produktion, bevor es in CD-Qualität abgemischt werden kann.

Die CD-Produktion geschieht komplett in Heimarbeit, vom Vervielfältigen über den Coverdruck (eigenes Design!) und den Vertrieb.

Unter anderem ist „Public Relations“, also Werbung, auch ein Thema für uns. Schließlich produzieren wir nicht nur für uns selbst, sondern sind ja auch daran interessiert, unsere Ideen und Projekte nach außen hin zu präsentieren, um so ein Feedback über unsere Arbeit zu erhalten. Formen der Präsentation wie kleinere Auftritte im schulischen Rahmen (Abi-Ball...) bieten sich als kleine Öffentlichkeit an, der Kreis der Adressaten läßt sich aber auch erweitern, und auch ISTA hat in dieser Hinsicht die ersten Erfahrungen gesammelt, so zum Beispiel über diverse Rundfunkinterviews bei Radiosendern wie FFN oder WDR. Lokalradios sind ebenfalls potentielle Kandidaten. Nicht zuletzt sind aber auch Vorträge wie dieser für uns eine Art von Werbeveranstaltung!

Selbstverständlich nutzen auch wir mittlerweile moderne Kommunikationsmedien wie das Internet. Seit dem Frühjahr 1999 haben wir über das Rechenzentrum der Uni Göttingen eine Homepage - oder auch „Pagina Domestica“ ins WWW gestellt, die gelegentlich weiter ausgebaut wird und zur Zeit eine Kurzinformation, Texte, Musikdemos sowie eine EMail-Kontaktadresse anbietet. Wir sind über mehrere Suchmaschinen und sogenannte Latein-Linklisten wie dem www.lateinforum.de zu erreichen und Bestandteil des LatinTeach Webrings.

Der Aufwand, eine solche Homepage zu erstellen, ist erstaunlich gering: Es sind entsprechende Computerprogramme auf dem Markt, die das Erstellen einer solchen Seite denkbar erleichtert. Abgesehen vom kreativen Aufwand dauert die reine Erstellung und Bereitstellung einer einfachen Seite im Netz eine knappe Stunde.

Die Arbeitsweisen, die ich Ihnen versucht habe zu schildern, stellen natürlich nur eine Auswahl an Möglichkeiten dar, die sich für ein Projekt wie ISTA anbieten. Sowohl kleinere als auch aufwendigere Lösungen sind denkbar. Bei all den praktischen Problemen, die sich einer solchen Arbeitsgemeinschaft stellen, ist noch ein theoretisches, das wir versuchen möchten, zu vermitteln:

Wir produzieren letzten Endes Texte des Alltags in lateinischer Sprache. Damit ist aber nicht intendiert, eine potentielle römische Lebenswelt auf unsere zu übertragen oder umgekehrt; wir wollen also keine Römer zu Zeitgenossen machen oder uns zu Römern. Was wir versuchen, ist, Sprache als das, was sie neben syntaktischen und semantischen Regeln eigentlich ist, nämlich als Kommunikationsmittel ernstzunehmen. Wenn das Experiment ISTA gelingt, könnte sich die Wahrnehmung von Sprache als Kommunikation zwischen Menschen einer lebendigen Gesellschaft um so deutlicher in der -sprachlichen- Differenz zwischen dem Alten Rom und der Jetztzeit abheben. Und diese Mischung macht in ihrer, wenn Sie so wollen, Exotik für uns wiederum den Spaßfaktor aus.

Aus dem bisher Gesagten dürfte deutlich geworden sein, dass ISTA keine mutierten Römer herstellen will. Wir verstehen uns als moderne Menschen, die Latein als Ausdrucksmittel ihrer Gefühle benutzen. Die Sprache Latein wird damit aber als Kommunikationsmittel verwendet. ISTA betreibt Latinitas viva, auch wenn es uns weniger um „gesprochenes Latein“ geht, wie es etwa von Caelestis Eichenseer oder Wilfried Stroh propagiert wird. Bevor wir also anfangen, überhaupt an eine Verbindung zwischen ISTA und Schule zu denken, muss geklärt werden, ob ein solch aktiver Gebrauch der Sprache Latein an Schulen überhaupt möglich ist. Die Rahmenrichtlinien für die gymnasiale Oberstufe beginnen mit den Worten „Grundlegende Texte...“. Damit ist eigentlich schon alles gesagt, was den LU in der Oberstufe ausmacht. Dass dann im Folgenden von „Textreflexion“, „Interpretation“ und „Lektüreunterricht“ die Rede ist, verwundert nicht mehr. Gleichzeitig ist aber eine Verwendung der Sprache Latein, wie es bei ISTA geschieht, nicht völlig unmöglich, ist doch ebenfalls in den RRL hinsichtlich Latein von „typische[n] Phänomene[e] einer lebenden Sprache“ die Rede. Obwohl der LU „primär“ Lektüreunterricht zu sein hat, gibt es dennoch keinen Grund, sich einer lebendigeren Verwendung der Sprache Latein zu verschließen. Einen ähnlichen Befund bieten die RRL Latein Klassen 7-10, die im übrigen ebenfalls mit den Worten „Grundlegende Texte...“ beginnen. Obwohl auch hier vom Tenor der Lernziele und Methoden her vor allem an einen passiven Umgang mit Sprache gedacht ist, ist nirgendwo eine aktive Verwendung von Latein völlig ausgeschlossen. Damit ist klar, dass ein aktiver Gebrauch von Latein (also auch im Sinne von ISTA) prinzipiell in begrenztem Umfang zulässig ist. „Lebendiges Latein“, also Latein, das moderne Sachverhalte beschreibt oder modernes Denken verbalisiert, ist daher schon seit einigen Jahren vor dem Hintergrund zusätzlicher Motivation und Attraktivität im LU Gegenstand der fachdidaktischen Diskussion (AU 5/94). Den Bereich des „Lateinsprechens“ berührt ISTA insofern, als für die Herstellung der Texte ebenso auf Neologismen, die bei näherem Hinsehen oft schon eine beachtlichere Tradition hinter sich haben als vermutet, nicht verzichtet werden kann. Darüber hinaus mussten wir gelegentlich - wie schon gesagt - nachklassische Konstruktionen verwenden. Ob man sich darauf einlässt, ist letztlich Ansichtssache, doch sei daran erinnert, dass es seriöse Nachschlagewerke für Neologismen gibt (Verweis Artikel C. Eichenseer AU 5/94). Was die nachklassischen Konstruktionen betrifft, so möchte ich nur an eine Diskussion erinnern, die in den Achtziger Jahren an der Uni Münster stattfand, wobei ein allzu starres Festhalten an den Grundsätzen des Menge-Repetitoriums kritisiert wurde („Mengisch“ statt „Lateinisch“). Aber - wie gesagt - es ist Ansichtssache. Auf jeden Fall aber ist es bedenkenswert, ob man sich die Möglichkeit der aktiven Verwendung von Latein, die Möglichkeit eines gänzlich anderen Zugangs zu Latein, sei es in Dialogen oder in (der von ISTA genutzten Form von) selbst produzierten lateinischen Texten, etwa mit dem Hinweis, Schüler lernten hier kein „klassisches Latein“, von vornherein verbauen sollte.

Nun kann sich ISTA aber gleichsam an einer Legitimation durch Herrn Rainer Nickel persönlich erfreuen. Dieser hat in seinem Aufsatz Durch Handeln aus der Krise in AU 3/4/94 nicht nur der „Aktualisierungsneurose“, den „zwanghaft anmutenden Versuche[n], antike Texte zu aktualisieren und antiken Stoffen ‘zeitlose Gültigkeit’ zuzuweisen“, ebenso wie der Befriedigung des „postmoderne[n] Bedüfnis[ses]nach dem Unzeitgemäßen“, also den Latein-Grufties und Sprach-Mystikern, eine Absage erteilt, sondern setzt sich ausdrücklich für ein „Lernen durch Handeln“ ein, um den LU angesichts einer veränderten Schüler- und Elternschaft sowie veränderter Unterrichtsbedingungen wieder legitimierbar zu machen. Dabei spricht sich Herr Nickel ausdrücklich für eine aktive Verwendung des Lateinischen in der Schule, insbesondere in der Mittelstufe, aus und erwähnt besonders den kommunikativen Charakter von Sprache, der wie bei den modernen Fremdsprachen auch im Fach Latein beibehalten werden sollte. Zu den „vernünftig ausgewählte[n] Formen eines produktiven Umgangs“ mit Latein wird von ihm ausdrücklich die „Umsetzung bekannter Lieder ins Lateinische“ gezählt. Dass zu „bekannten Liedern“ auch Pop-Songs gehören, scheint sich auch bei LateinerInnen seit längerem herumgesprochen zu haben. Es sei hier an das 1992 erschienene Reclam-Bändchen Cantate Latine erinnert, das u.a. eine lateinische Version von Yellow Submarine enthält.

Das ist für ISTA fast schon zuviel der Ehre. ISTA als Beispiel für einen Weg aus der Krise der Alten Sprachen, wenn wir Herrn Nickel darin folgen wollen, dass es eine solche gibt? Wie zu Beginn dieser Präsentation schon gesagt: Ganz wohl fühle ich mich dabei nicht. ISTA kann, wenn man will, nur eine Möglichkeit sein, was als ein konkretes Beispiel für Freiarbeit im LU machbar wäre, wobei es hier nicht darum gehen kann, etwa eine Alternative zur Lektürearbeit zu schaffen. - Ein konkreter Einsatz von ISTA-Songs könnte aktiv oder passiv erfolgen. Beides ist bereits geschehen, und es liegen positive Erfahrungen vor. Ein aktiver Einsatz bedeutet hier, dass ISTA als Vorbild genommen wird, selbst einen Song entweder ins Lateinische zu übertragen oder einen neuen zu texten oder sogar zu komponieren. Bei der Auswahl des Songs herrscht natürlich individuelle Freiheit, doch empfiehlt es sich, unbedingt die Lerngruppe entscheiden zu lassen, welcher Song gewählt wird. (Unbeschadet der Tatsache, dass der/die LehrerIn prüfen muss, ob das zu erwartende Textpensum überhaupt von der Lerngruppe geleistet werden kann.) Es ist dringend davor zu warnen, ein solches Projekt einer Lerngruppe überzustülpen. Wenn SchülerInnen eine solche Arbeit widerwillig verrichten, können die Ergebnisse nicht vorzeigbar sein und es entspricht auch der Intention des Projekts.

Ich habe selbst an meiner Schule erlebt, dass SchülerInnen von ISTA so begeistert waren, dass sie selbst Ähnliches versuchen wollten. In einer Klasse 7 habe ich die Lerngruppe, von einigen sprachlichen Hilfen abgesehen, damit allein gelassen. Es waren die letzten Stunden vor den Weihnachtsferien. Die SchülerInnen haben sich schließlich selbst geholfen, Instrumente mitgebracht und innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit einen achtbaren Song auf Lateinisch zusammenbekommen. Man sollte sich nicht davon abschrecken lassen, dass das Ergebnis in den wenigsten Fällen den Standard von ISTA erreicht. Wichtig ist der Ansatz, der von der alternativen Verwendung von Latein als modernem Kommunikationsmittel ausgeht. Im günstigsten Fall werden auch andere Fächer (neben Musik wären evtl. Deutsch oder Kunst denkbar) in den kreativen Prozess eingebunden. Davon abgesehen aber übt die Lerngruppe ihre sprachlichen Fähigkeiten ebenso wie ihre soziale Kompetenz. Zudem ergab sich, dass außerdem ganz unterschiedliche Fähigkeiten der SchülerInnen gefordert waren. So konnte einer vielleicht besser mit den Partizipien umgehen, der andere dafür besser Gitarre spielen.

Wem ein solches Projekt zu aufwendig ist, kann ISTA auch passiv einsetzen, d.h. die Songs vorspielen und die Texte bearbeiten. Am letzten Wochenende erreichte mich eine entsprechende Mitteilung eines Frankfurter Kollegen. Er setzt die Texte in Klasse 11 ein und machte die Erfahrung, dass sie sich großer Beliebtheit erfreuten, da die deutschen Originale der Lerngruppe bekannt waren. Hier bietet sich ein Textvergleich an, der aber voraussetzt, dass der/die KollegIn zumindest weiß, dass es eine Vorlage gibt. Darin bestehen zugegebenermaßen noch Defizite. Ein Kollege aus Münster fragte allen Ernstes an, ob es sich hier um Ovid-Texte handelt. (Hier sei darauf hingewiesen, dass sich Dichtung wie Ovid oder Horaz hervorragend dazu eignet, eigene Songs herzustellen. Auch ISTA verfolgt ein solches Projekt.)

Es scheint mir - dieses Schlusswort sei erlaubt - wichtig, dass wir LateinkollegInnen uns öfter als bisher daran erinnern, warum wir eigentlich dieses Fach studiert haben. Es sollte doch Freude an der Beschäftigung mit antiker Kultur dabei gewesen sein ebenso wie Spaß am Umgang mit der Sprache Latein und ihren Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer Präzision, alle Dinge des menschlichen Daseins messerscharf ausdrücken zu können. So wie es ein Leben nach der Schule gibt, gibt es ein Latein außerhalb des Unterrichtsgesprächs. Wem diese Worte zuviel Pathos enthalten, sollte vielleicht folgende, in Abwandlung eines Zitats der US-Sechziger-Jahre-Gruppe Canned Heat entstandene Formulierung bedenken:

Teach Latin as you like, but don’t forget to have fun.

Edgar Barwig / Clemens Liedtke